Пресса

Das literarische Leben in Russland 2001: Marusja Klimova

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Karlheinz Kasper

Marusja Klimova ist das Pseudonym von Tat’jana Kondratovic, die sich als Ubersetzerin von Louis-Ferdinand Celine, Jean Genet, Georges Bataille und Louis Aragon einen Namen gemacht hat und mit ihrem literarischen und essayistischen Werk in der Tradition der franzosischen Moderne steht. Ihre Romane Golubaja krov’/Blaues Blut (1991; 1996) und Domik v Bua-Kolomb/Das Haus in Bois Colombe (1998) kamen mit einer Auflage von 100 bzw. 200 Exemplaren heraus. Klimova lebte einige Jahre in Paris. Der gemeinsam mit Vjaceslav Kondratovic, Dmitrij Volcek und Jaroslav Mogutin gestartete Versuch, mit der Zeitschrift «Dantes» einen kritischen Beitrag zum Puskinjubilaum 1999 zu leisten, scheiterte. Die Kritik lehnte das «Blatt der Petersburger Boheme».

Wie die beiden vorangegangenen Werke versetzt auch der Roman Belokurye bestii/Blonde Bestien (SPb.: Seti 2001) den Leser in das Milieu Petersburger Kunstler und Intellektueller, die nach dem Ende der Sowjetunion ihre soziale Deklassierung durch Zynismus zu uberspielen suchen. Die autobiografische Protagonistin Marusja, die keinen Hehl daraus macht, dass sie den «Namen auf ic» abgelegt hat und «unter dem Namen ihrer Mutter» agiert, kann von der Tatigkeit als Schriftstellerin und Ubersetzerin nicht leben. Doch die Schreibprobleme sind nach dem Ende des sozialistischen Realismus andere geworden. Autoren wie sie wirken in einem Kontext, den weder Borges oder Marquez noch Kundera oder Pavi besassen. Marusja empfindet sich als «Sklavin der chaotischen Bruchstucke des Lebens», die durch keine Kom- positionsprinzipien in eine leserfreundliche Ordnung gebracht werden konnen. Sie halt wenig von Schriftstellern, die neue Wunschvorstellungen anbieten oder am Boden der Alltagsprobleme kleben, wie «Viktor Listov», der den «weiten Weg» besingt, oder «Nina Puzanova», eine Figur, hinter der sich die reale Permer Autorin Nina Gorlanova verbirgt. Marusjas Arbeitgeber interessieren sich nicht fur ihr literarisches Werk. Vasja, Fernsehjournalist und Leiter der Werbeagentur «Mu-Mu», braucht sie nur als Ubersetzerin von Presseinformationen. Blumberg, Chefredakteur der Zeitung «Rezonans», liest ihre Romane, weil ihm ihr Name gefallt. Er rat Marusja, ihr Geld mit den in Mode gekommenen «Frauenkrimis» zu verdienen. Fur sie ist die Arbeit an dem Essay uber den Untergrunddichter «Roal’d Stam» (Roal’d Mandel’stam) wichtiger. Der Roman wird nicht durch die Biografien und Aktionen von Pavel Suman, Aleksej B’ork, Kostja und anderen Figuren strukturiert, sondern durch den Diskurs uber die eigenen Schaffensfragen. Immer wieder kommt Marusja auf ihre Texte zu sprechen die Erzahlungen, Romane und Essays, die Aufsatze (fur «Nezavisimaja gazeta», «Mitin zurnal» und «Dantes»), die Rundfunksendungen (fur Radio «Svoboda»), die Auslandsveroffentlichungen (Teile von Domik v Bua-Kolomb in Deutschland) und die Ubersetzungen (Celine, Genet und vor allem Histoire de l’oeil von Georges Bataille). Weder die Artikulation einer zynischen Ablehnung der «neurussischen» Gesellschaft und der eigenen Lebensfuhrung noch die Strapazierung der Themen Sex und Alkohol konnen vom Hauptthema des Romans ablenken.

Die Gestalt des Dichters Kostja, den die Sowjetmacht in die psychiatrische Klinik gebracht hat, weil er nicht «Ingenieur der menschlichen Seele» sein wollte, liefert den Schlussel fur den Romantitel Belokurye bestii. Russland hatte eher auf Nietzsche und Rozanov als auf die «Krimis» von Dostoevskij und Cernysevskij setzen mussen, wenn es die Sowjetzeit hatte vermeiden wollen, argumentiert Kostja. Er verachtet die anonyme «Menge», will fur den Individualisten, «tollkuhnen Einzelganger», die «blonde Bestie», den «neuen Menschen» vom Schlage des «Ubermenschen», den Nietzsche im Zarathustra besang, eine Bresche schlagen. Nietzsche und Hitler hatten die Natur des Menschen besser begriffen als alle «burgerlichen Ideologen», erklart Kostja, der auch Heidegger liest. Fur Kostja ist die Welt «animalisch» und bewegt sich ausschlieslich nach den Gesetzen Darwins. Auch Marusja erscheint ihm als eine «blonde Bestie», die Jeanne d’Arc, Gretchen, Solov’evs «Ewig-Weibliches», Bloks Neznakomka und die sowjetische Mat’-Rodina in sich vereint.

Klimova knupft in ihren Texten an den aggressiven antiburgerlichen Duktus Celines an und seziert die Schwachen ihrer Figuren durch die Brille «einer mannlich-weiblichen, prafaschistisch-postsowjetischen, west-ostlichen Hybride». Wertungsfrei und ohne Mitleid, aber ebenso zynisch wie Celines Ferdinand in dem Roman Voyage au bout de la nuit blicke Marusja auf ihre Umwelt, schrieb Schamma Schahadat.(Schamma Schahadat: «Das Leben ist eine Sauerei.» Marusja Klimova, Celine und «Das Haus in Bois Colombe», in: Schreibheft 54/2000, S. 165; ebd., S. 166-178, ein Auszug aus dem Roman.) In Russland wird das literarische Werk Klimovas zuruckhaltend aufgenommen. Vielleicht hangt das damit zusammen, dass ihre Figuren, die aus einem Roman in den anderen hinuberwechseln, Exhibitionisten, Psychopathen und Phantasten sind, die manchmal an die Gestalten Vaginovs erinnern. Alle handeln «gegen den Strich», wie des Esseintes, der Held aus Joris Huysmans Roman A Rebours, allerdings ohne dessen soziale und ethische Motivation. (Michail Trofimenkov: O romanach Marusi Klimovoj.)

«Osteuropa» N4, 2002

 

 

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